Schwarzpulver kam als Beute nach Europa, nicht als Geschenk (1232–1326)
Eine staatliche Industrie der Song, die seit 1083 Pulverpfeile zu Hunderttausenden an die Grenzgarnisonen lieferte, wurde 1233 bei der Erstürmung von Kaifeng erbeutet – samt den Handwerkern, die sie betrieben –, wanderte auf den mongolischen Relaisstraßen nach Westen und erreichte ein lateinisches Europa, das sie bis 1326 in ein Metallrohr steckte und ihr nie einen Namen gab, der sich erinnert hätte, wem sie gehörte.
Um 1023 betrieben die Nördlichen Song in Kaifeng ein staatliches Pulverwerk; um 1083 verschickte der Hof Pulverpfeile zu Hunderttausenden an die Grenzgarnisonen. 1232 lernten die Mongolen diese Waffen vor den Mauern von Kaifeng kennen, und zwar als Ziel; als die Stadt im Jahr darauf fiel, nahmen sie das Zeughaus, die Rezepturen und die Handwerker mit, die damit umzugehen wussten. Mongolische Praxis war es, Handwerker zu verschonen und zu deportieren, und die Relaisstraßen, die Gesandte trugen, trugen Fachleute ebenso mühelos. Binnen eines Menschenlebens hieß der Salpeter auf Arabisch Schnee Chinas, binnen eines Jahrhunderts bestellte Florenz Metallgeschütze. Das lateinische Europa nannte die Substanz Steinsalz, nach den Mauern, von denen man sie abkratzte, und gab ihr nie einen Namen, der sich an ihre Herkunft erinnert hätte.
Was das lateinische Europa stattdessen hatte
Am 25. Juni 1218 blieb vor den Mauern von Toulouse der erfolgreichste Feldherr der lateinischen Christenheit stehen, um seinem verwundeten Bruder zu helfen, und wurde von einem Stein erschlagen. Simon de Montfort hatte Béziers, Carcassonne, Minerve und Lavaur genommen; ein päpstlicher Legat hatte ihm die Grafschaft Toulouse übertragen, und er hielt sie seit sechs Jahren. Die Maschine, die ihn tötete, war ein Steinwurfgerät in der belagerten Stadt, und der anonyme Fortsetzer der Canso de la crozada – der aus lebendiger Erinnerung und von der Seite der Belagerten schreibt – hält fest, wer sie bediente: donas e tozas e mulhers, Damen und Mädchen und Frauen.22 Der Stein traf seinen Helm und zerbrach ihm, wie das Gedicht berichtet, Augen, Hirn, Zähne, Stirn und Kiefer in Stücke.
Man behalte diese Szene im Blick, denn sie ist ein genaues Bild dessen, was organisierte Gewalt im lateinischen Europa in dem Jahrhundert vor der Ankunft des Schwarzpulvers vermochte und was nicht. Die entscheidende Waffe war ein Hebel. Zimmerleute bauten sie aus Holz, ein fallender Kasten voll Erde und Steine trieb sie an, gerichtet wurde sie über den Auslösepunkt der Schleuder, und bedienen konnten sie – gut genug, um den größten Feldherrn der Epoche zu töten – Bürgerinnen, die nie eine Waffe geführt hatten. Nichts an dieser Technik war geheim. Nichts daran war chemisch. Der Vorteil einer belagerten Stadt bestand darin, dass sie dieselben Maschinen bauen konnte wie der Belagerer, aus denselben Materialien, mit denselben Fertigkeiten, und zurückschießen konnte.
Genau diese Symmetrie sollte das Schwarzpulver zerstören, und deshalb muss das Davor dieses Eintrags sorgfältig gezeichnet werden. Das lateinische Europa des 13. Jahrhunderts war technisch nicht rückständig. Es steckte mitten in einem Aufschwung genau dieser Art von Ingenieurskunst. Das Gegengewichtstrebuchet war im späten 12. Jahrhundert in den Westen gelangt und wurde im Lauf des 13. in immer größeren Ausführungen gebaut, und es war wirklich furchterregend: Kelly DeVries und Robert Douglas Smith weisen darauf hin, dass die größten dieser Geräte Steine von weit über hundert Kilogramm schleuderten und bis ins 15. Jahrhundert die stärksten Waffen der Erde waren.23 Als Eduard I. von England 1304 Stirling Castle belagerte, ließ er von seinem Baumeister Jakob von St. Georg ein Trebuchet namens Kriegswolf errichten. Fünf Zimmermeister und neunundvierzig Arbeiter brauchten dafür etwa drei Monate; zerlegt füllte es dreißig Wagen; und das Angebot der Besatzung, sich vor der Fertigstellung zu ergeben, wurde ausgeschlagen, weil der König das Gerät arbeiten sehen wollte.
Die Rechnung einer Mauer
Was diese Welt jedoch zu dem machte, was sie war, war nicht das Gerät. Es war die Mauer. Ein Belagerer hatte 1250 vier Wege durch eine gemauerte Ringmauer, und jeder von ihnen war langsam.
| Verfahren | Wie es wirkte | Was es den Angreifer kostete |
|---|---|---|
| Beschuss | Gegengewichtstrebuchets hämmern einen Mauerabschnitt oder die Brustwehr | Wochen bis Monate; Holz, Zimmerleute, Nachschub an behauenen Steinkugeln |
| Untergrabung | Stollen unter einen Turm treiben und die Stützen abbrennen | Wochen; geübte Mineure; gegen in Fels gehauene Fundamente wirkungslos |
| Ersteigen | Leitern und Belagerungstürme gegen die Brustwehr | Stunden, und Verluste in Hunderten |
| Aushungern | Blockade, bis die Besatzung ihre Vorräte aufgezehrt hat | Monate bis Jahre; das Belagerungsheer erkrankte meist zuerst |
Richard Löwenherz' Château Gaillard, bei seiner Errichtung 1198 die fortschrittlichste Befestigung Europas, hielt Philipp II. August 1203/04 monatelang auf und fiel am Ende Mineuren zu, die durch einen Abortschacht in den inneren Hof gelangten. Es geht nicht darum, dass Mauern uneinnehmbar gewesen wären. Es geht darum, dass sie Zeit kauften, und Zeit war die Währung. Ein Herr mit einer guten Burg war nicht schnell zu erobern, und ein Herr, der nicht schnell zu erobern war, war häufig überhaupt nicht zu erobern, weil dem Belagerungsheer zuerst das Geld, die Verpflegung, die Lehnsdienstpflicht oder die Feldzugssaison ausging. Das gesamte politische Gefüge der lateinischen Christenheit – die Eigenständigkeit des Grafen in seiner Grafschaft, des Bischofs in seiner Stadt, der freien Kommune hinter ihrem Mauerring – ruhte auf dieser Rechnung.23
Die Kirche hatte einmal versucht, das Tempo der Veränderung zu regeln. Kanon 29 des Zweiten Laterankonzils belegte 1139 die todbringende und Gott verhasste Kunst der Armbrustschützen und Bogenschützen mit dem Anathem, sofern sie sich gegen Christen richtete. Man beachtete es nicht, wie man solche Verbote nicht beachtet, aber es hält etwas Wirkliches fest: Das lateinische Europa besaß bereits eine Kategorie für jene Waffe, deren Problem darin besteht, dass sie das Töten zu leicht macht und zu gleichgültig gegenüber dem Rang des Getöteten.
Was Europa sehr wohl hatte: Feuer ohne Chemie
Es wäre falsch zu sagen, das lateinische Europa habe keine Brandkriegsführung gekannt. Es kannte sie reichlich und seit Jahrhunderten – nur besaß es nichts, was aus eigenem Sauerstoffvorrat brannte, und darin liegt der ganze Unterschied.
Die Kreuzfahrerheere waren im 12. und 13. Jahrhundert wiederholt auf byzantinische und muslimische Feuerwaffen gestoßen und hatten ein respektvolles Vokabular dafür mitgebracht. Das flüssige Brandmittel, das die lateinischen Quellen griechisches Feuer nennen, war eine Mischung auf Erdölbasis, unter Druck verschossen, und es erschreckte jeden, der es sah. Jean de Joinville, der 1249/50 mit Ludwig IX. in Ägypten war und die ayyubidische Besatzung es gegen die Belagerungsgeräte der Kreuzfahrer schleudern sah, konnte es nur nach Größe und Klang beschreiben: eine Masse so breit wie ein Fass, mit einem Flammenschweif dahinter von der Länge einer Lanze, donnernd und das ganze Lager taghell erleuchtend.24 Naphthatöpfe, mit Schwefel und Pech bestrichene Pfeile, ungelöschter Kalk, siedendes Fett und brennendes Reisig gehörten in jeder Belagerung des 13. Jahrhunderts auf beiden Seiten zur gewöhnlichen Ausrüstung.
All das aber brannte an der Luft. Es ließ sich nicht einschließen, denn Einschließen erstickte es. Nichts in der europäischen oder byzantinischen Brandtradition hätte ein Geschoss durch ein Rohr getrieben, weil nichts darin sein eigenes Gas erzeugte. Der Schritt vom griechischen Feuer zum Schwarzpulver ist kein Gradunterschied; er ist ein Schritt über eine chemische Kategoriegrenze, und was einen hinüberträgt, ist der Salpeter.
Was Europa nicht hatte
Was das lateinische Europa nicht hatte, war irgendeine Vorstellung davon, was Salpeter ist.
Das ist die Lücke, um die es in diesem Eintrag geht, und sie sollte deutlich benannt werden, denn man stellt sich leicht vor, ein Kontinent mit Alchemisten, mit einer aus Toledo hervorgehenden Übersetzungsbewegung und mit Universitäten in Bologna, Paris und Oxford müsse der Entdeckung nahe gewesen sein. Er war ihr nicht nahe. Kaliumnitrat kommt in Nordeuropa nicht in offensichtlichen Lagerstätten vor. Man muss es erkennen, von den Ausblühungen an den Wänden von Ställen und Kellern sammeln und – entscheidend – reinigen, denn die rohen Abkratzungen sind stark mit Calcium- und Magnesiumnitrat verunreinigt, was das gewonnene Pulver hygroskopisch und unbrauchbar macht. Niemand im lateinischen Europa wusste 1250 irgendetwas davon. Der lateinische Name, der sich schließlich an die Substanz heftete, sal petrae, Salz des Steins, sagt, wo man sie findet, und sagt schlechterdings nichts darüber, was sie tut.
Roger Bacon, der 1267 an Papst Clemens IV. in dem als Opus tertium bekannten Werk schrieb, liefert die gemeinhin als erste europäische Nachricht von der Mischung geltende Stelle, und das Auffällige ist, dass er ein Spielzeug beschreibt:
Ein Beispiel dieser Dinge haben wir in jenem Kinderspielzeug, das in vielen verschiedenen Teilen der Welt gemacht wird, nämlich einer Vorrichtung, nicht größer als der Daumen. Aus der Gewalt jenes Salzes, das man Salpeter nennt, entsteht beim Bersten eines so kleinen Dinges, kaum eines Stückchens Pergament, ein so schrecklicher Laut, dass das Ohr von einem Getöse befallen wird, das das Brüllen des stärksten Donners übertrifft, und von einem Blitzen, heller als der grellste Blitzstrahl.11
J. R. Partington, dessen History of Greek Fire and Gunpowder von 1960 noch immer die maßgebliche Behandlung der lateinischen und arabischen Textzeugnisse ist, schloss daraus, Bacon habe höchstwahrscheinlich die Vorführung eines chinesischen Knallkörpers gesehen, vermutlich vermittelt durch die Franziskaner – sein Bekannter Wilhelm von Rubruk war 1253 bis 1255 an den mongolischen Hof in Karakorum gereist und zurückgekehrt.10 Ein gelehrter Mann in der geistigen Hauptstadt der lateinischen Christenheit hält die folgenreichste Militärtechnik der nächsten sechshundert Jahre in der Hand, bestimmt ihren Wirkstoff richtig und legt sie unter Taschenspielerei ab.
Er war nicht töricht. Er war genau in dem, was man ihm gezeigt hatte. Ein Knallkörper ist ein Knallkörper, und der Abstand zwischen einem Fetzen Pergament, der knallt, und einem Metallrohr, das eine Eisenkugel durch ein Tor treibt, ist kein Abstand, den ein kluger Mann durch schärferes Nachdenken überwindet. Man überwindet ihn durch Metallurgie, durch ein Reinigungsverfahren, durch Jahrzehnte fremder Versuche mit Ladungsverhältnissen und durch den institutionellen Willen, alle drei zu bezahlen. Das lateinische Europa hatte 1267 nichts davon und hatte nichts davon je gesehen. Was es schließlich empfangen sollte, war keine Idee. Es war das Ergebnis von dreihundert Jahren Rüstungsprogramm eines fremden Staates.
Das Pulver, das Reich und der Weg dazwischen
Eine Industrie, keine Kuriosität
Der zäheste Irrtum über diese Übertragung lautet, die Chinesen hätten das Schwarzpulver erfunden und für Feuerwerk verwendet, bis Europäer auf das Geschütz kamen. Tonio Andrades The Gunpowder Age – die maßgebliche moderne Darstellung, der dieser Eintrag in der chinesischen Chronologie folgt – zerlegt ihn gründlich.1 Der Song-Staat behandelte Schwarzpulver nicht als Vergnügen. Er behandelte es als Kriegsgerät und organisierte seine Herstellung, wie er Salz und Eisen organisierte.
Der Hof der Nördlichen Song betrieb bereits 1023 in der Hauptstadt Kaifeng ein Pulverwerk, besetzt mit Handwerkern, Zimmerleuten und Gerbern innerhalb eines militärischen Produktionskomplexes.1 1044 druckte das vom Hof beauftragte Militärkompendium Wujing zongyao, zusammengestellt unter Zeng Gongliang und Ding Du, drei schriftliche Pulverrezepturen – die ersten schriftlichen Pulverrezepturen der Welt und um Jahrzehnte das älteste erhaltene Zeugnis dafür, dass irgendjemand die Verhältnisse gut genug kannte, um sie niederzuschreiben.32 1073 verbot der Hof die Ausfuhr von Schwefel und Salpeter über die Liao-Grenze, was ein Staat wegen Feuerwerk nicht tut. Und 1083 schickte der kaiserliche Hof 100.000 Pulverpfeile an eine Grenzgarnison und 250.000 an eine andere.1
Die Waffen selbst entwickelten sich unter genau dem Druck, den der Atlas erwarten ließe: drei Jahrhunderte eines Staates, der an seiner Nordgrenze mit herkömmlichen Mitteln nicht siegen konnte und deshalb erfinderisch werden musste. Die Abfolge ist dicht genug belegt, um sie tabellarisch zu fassen.
| Datum | Entwicklung | Ort |
|---|---|---|
| 969–970 | Von Feng Jisheng und Yue Yifang dem Thron vorgeführte, durch Pulverrohr getriebene Feuerpfeile; die Erfinder belohnt | Song-Hof |
| 1000–1002 | Weitere Pulverpfeile, Töpfe und Fußangeln vorgeführt; der Hof lässt die Pläne drucken und verteilen | Song-Hof |
| 1023 | Staatliches Pulverwerk in der Hauptstadt in Betrieb | Kaifeng |
| 1044 | Drei schriftliche Rezepturen im Wujing zongyao gedruckt | Kaifeng |
| 1083 | 350.000 Pulverpfeile an zwei Grenzgarnisonen geliefert | Nordgrenze |
| 1132 | Feuerlanzen der Song-Verteidiger gegen die Belagerungstürme der Jin | De'an, Hubei |
| 1221 | Bomben mit gusseiserner Hülle der Jin gegen die Song | Qizhou, Hubei |
| 1232 | Zhentianlei, himmelerschütternder Donner, der Jin gegen die Mongolen | Kaifeng |
| 1259 | Bambusfeuerlanze, die einen das Rohr verschließenden Pfropfen verschießt – das erste Geschoss | Shouchun, Anhui |
Bis 1221 waren die Hüllen aus Gusseisen. Der Song-Kommandant Zhao Yurong überlebte die Belagerung von Qizhou und hinterließ eine Beschreibung, die Andrade so übersetzt: Die Bomben seien „von Gestalt wie Kürbisflaschen, aber mit kleiner Mündung. Sie sind aus Roheisen gefertigt, etwa zwei Zoll dick, und sie bringen die Mauern der Stadt zum Zittern.“1 Derselbe Bericht verzeichnet dreizehn nacheinander schießende Katapulte, auf jeden Schuss folgte eine eiserne Feuerbombe, „deren Klang wie Donner war“.1 Das ist keine Kuriosität. Das ist Feuerunterstützung.
Zwei chinesische Gesamtdarstellungen führen die technische Einzelheit weiter als jedes westsprachige Werk: Wang Zhaochuns Geschichte der chinesischen Feuerwaffen und Pan Jixings Geschichte des Pulvers selbst, die zusammen die Mischungsverhältnisse, die Werkstattorganisation und die regionale Verteilung der Produktion über die ganze Spanne von den Tang-Alchemisten bis zu den Qing verfolgen.1819
1232, vor den Mauern von Kaifeng
Die Mongolen begegneten diesen Waffen so, wie die meisten Heere einer neuen Technik begegnen: als Ziel.
Dschingis Khans Feldzüge gegen die jurchenischen Jin beginnen 1211, und Stephen Haws Argument – die stärkste Fassung der These einer mongolischen Urheberschaft in dieser Übertragung – lautet, dass Überläufer der Jin das Pulverwissen von den frühesten Jahren an in mongolische Dienste trugen und dass Pulverwaffen daher seit den 1210er Jahren in mongolischer Hand und mongolischem Gebrauch waren.5 1232 hatte sich die Lage umgekehrt: Das mongolische Heer belagerte Kaifeng, und die Jin verteidigten es mit der fortgeschrittensten Pulverartillerie, die es gab.
Das Jin shi, die Dynastiegeschichte der Jin, beschreibt die Hauptwaffe in einer Stelle, die Joseph Needham übersetzt hat: „Die himmelerschütternde Donnerbombe ist ein eisernes Gefäß, mit Pulver gefüllt. Entzündet und abgeschossen, fährt sie los wie ein Donnerschlag, den man hundert Li weit hört, verbrennt eine Fläche von mehr als einem halben Mu, und ihr Feuer kann sogar eiserne Rüstung durchdringen.“42 Der taktische Gebrauch war erfinderischer, als die Beschreibung vermuten lässt. Mongolische Mineure, die am Mauerfuß arbeiteten, deckten sich unter Lederschirmen; die Verteidiger der Jin banden die Bomben an eiserne Ketten und ließen sie an der Mauerfläche dorthin hinab, wo gegraben wurde. Die Schirme überstanden die Detonation nicht, und die Männer darunter ebenso wenig.1
Sie verfügten auch über die fliegende Feuerlanze, deren Bau die Quellen mit der Genauigkeit einer Werkstattnotiz festhalten: sechzehn Lagen Chi-huang-Papier zu einem gut zwei Fuß langen Rohr gerollt, gefüllt mit Weidenkohle, Eisensplittern, Magnetitbrocken, Schwefel und weißem Arsenik, mit einer Lunte am Ende.1 Sie warf die Flamme etwa zehn Schritt weit. Sie ist, wie Andrade die Abfolge liest, die unmittelbare Vorform der Feuerwaffe.
Kaifeng hielt über ein Jahr. Es fiel 1233. Das Zeughaus, die Werkstätten, die Rezepturen und – entscheidend – die Handwerker gingen in mongolische Hand über.
Der Korridor bewegte Menschen
Das ist der Mechanismus, und er ist kein angenehmer.
Die mongolische Belagerungspraxis nahm, wie Thomas Allsen in Culture and Conquest in Mongol Eurasia belegt hat, Handwerker planmäßig vom allgemeinen Schicksal einer gestürmten Stadt aus und deportierte sie stattdessen. Allsens zentrales Argument lautet, der kulturelle Verkehr des mongolischen Jahrhunderts sei kein beiläufiges Nebenprodukt der Eroberung gewesen, sondern etwas, das die Mongolen aktiv organisierten: Sie behandelten menschliches Können als Ressource des Reiches und verschoben es planvoll zwischen ihren Herrschaftsgebieten.9 Handwerker aus Zentralasien wurden in Nordchina angesiedelt, Handwerker aus Nordchina nach Westen geschickt. Das Jam, jenes Relaisnetz, das der Atlas andernorts als Infrastruktur der Pax Mongolica verzeichnet, trug Fachleute ebenso mühelos wie Gesandte.
Zwei Feldzüge zeigen den Korridor in beiden Richtungen in Betrieb, innerhalb einer einzigen Generation:
- Nach Westen, 1253–1260. Möngkes Quriltai von 1251 entsandte seinen Bruder Hülegü gegen die ismailitischen Festungen und das abbasidische Kalifat. Die persischen Quellen verzeichnen, dass das Heer von tausend Mannschaften chinesischer Belagerungsingenieure und Katapultfachleute begleitet wurde. Alamut fiel 1256, Bagdad 1258.
- Nach Osten, 1268–1273. Qubilais Belagerung der beiden Song-Festungen Xiangyang und Fancheng am Han-Fluss stockte fünf Jahre lang vor Mauern, die Zugtrebuchets nicht zu brechen vermochten. Er schrieb seinem Neffen Abaqa, dem Ilchan von Iran, der zwei Ingenieure schickte – Ismaʿīl aus Hilla und ʿAlāʾ ad-Dīn aus Mossul. Sie bauten Gegengewichtstrebuchets jenes Typs, den die chinesischen Quellen huihui pao, muslimisches Trebuchet, nennen. Fancheng fiel wenige Tage nach ihren ersten Schüssen; Xiangyang ergab sich im März 1273.
Diese zweite Episode wiegt schwerer als ihr militärisches Ergebnis. Sie ist der Beleg dafür, dass hier nicht der Osten gab und der Westen nahm. In denselben Jahrzehnten, in denen chinesische Pulverfachleute nach Irak geführt wurden, verschiffte man irakische und persische Ingenieure nach Hubei, und die Maschine, die schließlich die Song brach, war eine Einfuhr aus dem Westen. Der Korridor war ein Korridor. Was die Richtung einer bestimmten Ladung bestimmte, war nicht das Genie einer Zivilisation. Es war, welches Heer was wollte und wer gefangen worden war.
Die ältesten Geschütze der Erde
Irgendwo zwischen der Feuerlanze von 1259 und der florentinischen Bestellung von 1326 hörte das Rohr auf, ein Flammenwerfer zu sein, und wurde ein Geschütz: Der Lauf wurde metallen, die Ladung stärker, und das Geschoss hörte auf, ein Schauer von Schrott zu sein, und wurde eine einzelne, die Seele verschließende Kugel. Dieser Übergang vollzog sich in China, unter mongolischer Herrschaft, und die erhaltenen Stücke sind das beste Zeugnis dafür, wann.
Drei Objekte tragen das Argument, und jedes trägt einen Vorbehalt:
- Die Handbüchse von Heilongjiang. Ein bronzenes Stück von 34 Zentimetern Länge und 3,55 Kilogramm Gewicht, 1970 in Banlachengzi im Kreis Acheng, Heilongjiang, ausgegraben. Sie gilt gemeinhin als älteste erhaltene Feuerwaffe der Welt und wird auf 1288 datiert, mit dem Argument, sie gehöre zu Li Tings Feldzug gegen den aufständischen Prinzen Nayan in jenem Jahr. Das Datum ist eine Folgerung aus dem archäologischen Zusammenhang und der Überlieferung, keine Inschrift auf dem Stück, und so sollte es auch benannt werden.
- Das Geschütz von Xanadu. Ein Bronzegeschütz mit einer Inschrift in ʼPhagspa-Schrift, die sein eigenes Herstellungsdatum nennt, entsprechend 1298. Es ist die älteste Feuerwaffe überhaupt, die sich selbst datiert, und damit der Anker der gesamten Chronologie.
- Das Bronzegeschütz von Wuwei. Ein größeres und schwereres Stück aus Gansu, innerhalb der Yuan-Zeit unterschiedlich datiert, und eine nützliche Erinnerung daran, dass die chinesische Abfolge bereits Artilleriekaliber erreicht hatte, während Europa noch Rezepte abschrieb.
Die erste Texterwähnung einer Handbüchse in den chinesischen Quellen ist auf 1230 datiert; das älteste erhaltene Stück stammt aus den 1280er oder 1290er Jahren. Was sonst auch strittig sein mag: Das Geschütz gab es in China als gefertigtes Metallgerät eine Generation vor dem ältesten festen europäischen Zeugnis – und es gab es dort unter einer mongolischen Verwaltung, deren Westgrenze in Anatolien lag.
Was die Quellen sagen und was nicht
Der Atlas erzeugt keine Gewissheit, und hier darf er es am wenigsten, weil die zentrale Kausalverbindung dieses Eintrags die eine Stelle ist, an der die Forschung wirklich auseinandergeht.
Am ausführlichsten vertreten Iqtidar Alam Khan und Stephen Haw die These der mongolischen Übertragung. Khan argumentiert in einem Aufsatz von 1996 im Journal of Asian History und ausführlich in Gunpowder and Firearms: Warfare in Medieval India, die Mongolen hätten Bomben, Feuerlanzen und Raketen quer durch Eurasien nach Westen getragen und so sei die Technik sowohl in die islamische Welt als auch nach Nordindien gelangt.78 Haws Aufsatz von 2013 im Journal of the Royal Asiatic Society vertritt die weiter reichende These: Pulverwaffen seien in China schon im frühen 13. Jahrhundert im regelmäßigen Gebrauch gewesen, Überläufer der Jin hätten sie ab 1211 in mongolische Hände gegeben, und sie hätten in den Eroberungen selbst eine handfeste Rolle gespielt.5
Dem steht Kate Raphael entgegen, deren Aufsatz von 2009 in derselben Zeitschrift die mongolische Belagerungskriegführung am Euphrat zwischen 1260 und 1312 untersuchte und zu dem Schluss kam, keine der großen Quellen zu jenen Feldzügen lege den Gebrauch von etwas nahe, das zwingend Schwarzpulver sein müsse.6 Ihr Einwand ist methodisch und schwer zu entkräften: Feuer ist nicht Pulver, Lärm ist nicht Pulver, und der Donner eines Chronisten ist ein Vergleich. Bert Halls Weapons and Warfare in Renaissance Europe führt das entsprechende Argument auf der europäischen Seite und behandelt die frühesten behaupteten Sichtungen mit erheblicher Vorsicht.13
Die redliche Fassung des Befundes lautet:
- Sicher. Das Schwarzpulver wurde in China erfunden; die Rezepturen wurden dort bis 1044 niedergeschrieben; Pulverwaffen mehrerer Art wurden dort in Serie hergestellt, bevor irgendein Europäer von der Substanz gehört hatte. Kein ernsthafter Forscher bestreitet davon irgendetwas.
- Sicher. Das lateinische Europa hatte 1326 Metallgeschütze und wusste vor der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts nichts von der Substanz.
- Gut gestützt. Die Rezeptur erreichte die arabischsprachige Welt im Lauf des 13. Jahrhunderts, in der mongolischen Spanne, und im Arabischen wurde sie nach ihrer Herkunft benannt.
- Umstritten. Ob mongolische Heere selbst Pulverwaffen im Nahen Osten und in Osteuropa einsetzten und ob Europäer ihnen dabei zusahen.
- Nicht gestützt. Dass die Mongolen 1241 in der Schlacht bei Muhi Feuerwaffen verwendet hätten. Das Carmen miserabile des Magisters Rogerius beschreibt Feuer und großen Lärm an der Sajó, und spätere Autoren haben Geschütze hineingelesen; es gibt kein Fundstück, keinen Rückstand und keinen eindeutigen Text. Der Atlas erhebt diese Behauptung nicht.
Was der Skepsis standhält, sind die Zeitfolge und das Vokabular. Eine in China erfundene und in Europa unbekannte Technik erscheint in arabischen Quellen um die Mitte des 13. Jahrhunderts, in lateinischen an dessen Ende und als gefertigtes Kriegsgerät im zweiten Viertel des 14. – während und unmittelbar nach der einzigen Periode der Geschichte, in der ein einziges politisches System die Entfernung zwischen ihnen überspannte.
Das Wort, das mitreiste
Das Vokabular ist das stärkste Einzelindiz, und es ist zugleich die schärfste Ironie dieses Eintrags.
Ibn al-Bayṭār, der andalusische Botaniker und Pharmakologe, der 1248 in Damaskus starb, verzeichnet Kaliumnitrat in seinem Kompendium der einfachen Heilmittel unter dem Namen thalj al-Ṣīn – Schnee Chinas. Der persische Sprachgebrauch nannte es Salz Chinas. Um 1280 verfasste der syrische Militärschriftsteller al-Ḥasan ar-Rammāḥ das Kitāb al-furūsiyya wa-l-manāṣib al-ḥarbiyya, das etwas über hundert Rezepturen für Brandsätze und Treibmittel enthält und – der technisch entscheidende Beitrag – ein brauchbares Verfahren zur Reinigung des rohen Salpeters: in möglichst wenig Wasser kochen, nur die heiße Lösung verwenden und Holzasche zusetzen, um Calcium und Magnesium als Carbonate auszufällen.12 Dieses Verfahren macht aus einem Abkratz von der Stallwand ein brauchbares Treibmittel, und es ist der Grund, warum die arabischsprachige Welt gutes Pulver früher hatte als die lateinische.
Im Lateinischen erscheinen die frühesten Rezepte im Liber ignium ad comburendos hostes, einem gewissen Marcus Graecus zugeschrieben, das seine modernen Herausgeber auf etwa 1280 bis 1300 datieren und das sich, nach Partingtons Urteil, wie eine teilweise aus dem Arabischen übersetzte Zusammenstellung liest.10
Und darum geht es. Das Arabische benannte die Substanz nach dem Ort, aus dem sie kam. Das Persische benannte sie nach dem Ort, aus dem sie kam. Das Lateinische nannte sie sal petrae, Salz des Steins, nach den Mauern, von denen man sie abkratzte.
Was das Geschütz veränderte und was es begrub
1326: zwei Dokumente, ein Jahr
Das Geschütz des lateinischen Europa tritt zweimal im selben Jahr in die Überlieferung ein, an entgegengesetzten Enden der Christenheit, in Dokumenten, die nichts miteinander zu tun haben.
Im Februar 1326 ließ der Rat von Florenz Beamte bestellen, die canones de metallo – Metallgeschütze – nebst eisernen Kugeln zum Verschießen beschaffen sollten. Es ist ein Verwaltungsvermerk, und genau das macht ihn zu einem guten Zeugnis: Es ist eine Bestellung, keine Chronik, und Bestellungen schmücken nicht aus.
Im selben Jahr vollendete ein englischer Kleriker namens Walter de Milemete eine Widmungshandschrift über das Königtum für den damals vierzehnjährigen Eduard III. Am Rand eines Blattes des De nobilitatibus, sapientiis, et prudentiis regum hält ein Ritter im Kettenpanzer ein glühendes Eisen an die Mündung eines vasenförmigen Gefäßes, das auf einem Bock liegt. Ein großer Pfeil fährt daraus hervor, auf ein Tor gerichtet.13

Zweierlei an diesem Bild verdient Beachtung. Das Geschütz ist bauchig und vasenförmig, ein pot-de-fer, und es verschießt einen Bolzen statt einer Kugel – was man von einer Kultur erwarten würde, die eben erst ein Treibmittel erhalten hatte und es dem Geschoss anpasste, das sie schon herzustellen wusste. Und der Maler hat offensichtlich nie einen Schuss gesehen; die Komposition ist dekorativ, die Haltung des Schützen unmöglich. Europa besaß 1326 den Gegenstand und noch nicht die Praxis.
Spätere Chronisten berichten von Geschützen 1324 in Metz und 1325 bei der granadischen Belagerung von Baza, und vereinzelte Behauptungen reichen noch weiter zurück. Halls Urteil, dem dieser Eintrag folgt, lautet, dass es sich überwiegend um spätere Einschübe handelt, die das Gewicht nicht tragen.13 Florenz 1326 ist der erste feste Boden.
Die Mauer hört auf zu wirken
Im ersten halben Jahrhundert waren die Geschütze militärisch nahezu nutzlos – laut, für ihre Bedienung gefährlich und weniger wirksam als die Trebuchets, die daneben standen. Hall betont nachdrücklich, dass die europäische Pulverrevolution langsam, ungleichmäßig und viel später verlief, als die verbreitete Chronologie annimmt.13 1346 waren Geschütze bei Crécy dabei und änderten dort nichts. Man setzte sie fast ein Jahrhundert lang gegen Stadttore und hölzerne Wehrgänge ein, um des Schreckens und des Lärms willen.
Dann holte die Metallurgie auf, und die Rechnung der Mauer kehrte sich um.
Clifford Rogers unterscheidet in einer Argumentation, die das Feld seit 1993 prägt, zwei Revolutionen innerhalb des Hundertjährigen Krieges: eine Infanterierevolution im 14. Jahrhundert und eine Artillerierevolution im 15., in der Pulverwaffen die lange bestehende Überlegenheit der Verteidigung im Belagerungskrieg umkehrten.14 Der französische königliche Artilleriezug der 1440er und 1450er Jahre nahm in Tagen Festungen, die ein Jahrhundert früher eine ganze Saison gehalten hätten. Volker Schmidtchens Studie zum deutschen Material verfolgt denselben Übergang jenseits des Rheins und fügt die soziologische Folge hinzu: das Aufkommen des Büchsenmeisters als eines neuen, eifersüchtig gehüteten technischen Berufs mit eigenen Geheimnissen, eigenen Handschriften und eigenem Preis.15
| Lateinisches Europa, um 1250 | Lateinisches Europa, um 1500 | |
|---|---|---|
| Entscheidende Belagerungswaffe | Gegengewichtstrebuchet, vor Ort von Zimmerleuten gebaut | Bombarde aus Gussbronze oder Schmiedeeisen, aus der Gießerei und herangefahren |
| Wer sie bedienen konnte | Jeder, auch die belagerten Bürgerinnen von Toulouse | Ein zugelassener Fachmann mit gehütetem Handwerk |
| Zeit für den Durchbruch einer guten Mauer | Wochen bis Monate, oft nie | Tage |
| Kosten der entscheidenden Waffe | Holz, Arbeit, Stein aus der Gegend | Metall, Pulver, Transport und Löhne – für die meisten Herren unerschwinglich |
| Was eine starke Burg ihrem Inhaber einbrachte | Politische Eigenständigkeit | Eine langsamere Übergabe |
| Mauerbau | Hoch und dünn, mit hohen Türmen | Niedrig, dick, abgewinkelt, erdhinterfüllt |
Was verdrängt wurde
Die Liste dessen, was das Geschütz aus dem europäischen Leben verdrängte, ist länger als die Liste dessen, was es brachte, und das meiste ging leise.
- Die großen Holzgeräte und die Männer, die sie bauten. Das Trebuchet war binnen eines Jahrhunderts nach der Reife der Bombarde überholt. Den Ingenieur-Zimmermann – den Beruf Jakobs von St. Georg – verdrängte der Geschützgießer, dessen Können metallurgisch war und aus dem Glockengießerhandwerk stammte.
- Die hohe Ringmauer. Jede vor etwa 1450 in Europa errichtete Steinbefestigung hatte mit einem Schlag die falsche Form. Die Antwort – niedrige, dicke, abgewinkelte, erdhinterfüllte Bastionen – verlangte Abriss und Neubau in einem Umfang, den nur Staaten finanzieren konnten.
- Der militärische Wert einer kleinen Herrschaft. Ein Graf mit einer Burg war eine politische Tatsache gewesen. Ein Graf mit einer Burg und ohne Artilleriezug wurde ein Pächter.
- Der geübte Bogenschütze. Nicht sofort und nicht überall, aber die Logik war unabweisbar: Der englische Langbogen kostete ein Jahrzehnt eines Männerlebens, die Arkebuse vierzehn Tage. Kenneth Chases weltweite Übersicht argumentiert, dass diese Arbeitsrechnung und nicht irgendeine innere Überlegenheit der Waffe darüber entschied, wo sich Feuerwaffen ausbreiteten und wo nicht.20
- Die Fähigkeit der belagerten Stadt, gleichartig zu antworten. 1218 konnte Toulouse dieselbe Maschine bauen wie Simon de Montfort. Um 1450 konnten die Belagerten ihre Bombarden nicht selbst gießen, kein Pulver kaufen und in der verfügbaren Zeit keine Büchsenmeister ausbilden.
Das Geld
Peter Lorges vergleichende Untersuchung hält fest, dass eine vom Schwarzpulver getriebene Militärrevolution in Asien drei Jahrhunderte vor Europa stattfand und dass die interessante Frage daher nie lautet, wer die Technik besaß, sondern welche Art von Staat die Technik verlangte.21 Die Antwort lautete in Europa: einen teuren. Pulver war Verbrauchsgut, Geschütze waren Kapital, Büchsenmeister waren Löhne, und Belagerungen, die in Tagen endeten, kosteten dennoch mehr als Belagerungen, die Monate gedauert hatten. Der Fiskalapparat des frühneuzeitlichen europäischen Staates – dauerhafte Steuer, Staatsschuld, besoldete Beamte zu ihrer Erhebung – wuchs um die Notwendigkeit herum, dies zu bezahlen, und das ist die größte und am wenigsten sichtbare Folge dieser Übertragung.
Die Rechnung
Fünfzig Tage in Kaifeng
Der am genauesten bezifferbare Preis dieser Übertragung ist die Belagerung, in der die Technik den Besitzer wechselte.
Kaifeng zählte 1232 vielleicht eine Million Menschen, weit über seine gewöhnliche Bevölkerung hinaus angeschwollen durch Flüchtlinge aus dem nordchinesischen Land. Die mongolische Blockade schnitt es den Sommer über ab. Es kam der Hunger, dann die Seuche. Das Jin shi verzeichnet, dass die große Pestilenz mehr als fünfzig Tage dauerte und dass in dieser Zeit mehr als 900.000 Särge aus den Stadttoren getragen wurden – und es fügt, nach Art einer Verwaltung, die weiß, was sie nicht zählt, hinzu, dass diese Zahl die Armen ausschließt, die sich kein Begräbnis leisten konnten.4 Neuere Schätzungen setzen die Sterblichkeit über die gesamte Belagerung hinweg bei etwa vierzig bis fünfzig Prozent der Eingeschlossenen an.
Ob die Krankheit die Pest war, ist wirklich umstritten; der Bericht des Arztes Li Gao über das, was die Ärzte von Kaifeng behandelten, beschreibt große eitrige Schwellungen, und manche Forscher lesen darin Beulen, andere nicht. Der Atlas legt sich auf keinen Erreger fest. Unstrittig ist die Rechnung: Die Technik, die am Ende die Welt bewaffnen sollte, wechselte den Besitzer innerhalb einer Stadt, in der nach dem Register jenes Staates, der sie verlor, neunhunderttausend Menschen in weniger als zwei Monaten begraben wurden.
Die Handwerker waren die Ladung
Der zweite Preis ist der, der sich am leichtesten hygienisch verpacken lässt, und der Atlas wird es nicht tun.
Die mongolische Gepflogenheit, Handwerker zu verschonen, wird oft bewundernd beschrieben, als Beleg eines pragmatischen Reiches, das Können zu schätzen wusste. Das war sie. Sie war auch Versklavung und Zwangsumsiedlung als Technologiepolitik. Allsens Darstellung ist eindeutig, von wem die Handlungsmacht ausging: Die Bewegungen wurden von oben organisiert, und die Fachleute hatten kein Mitspracherecht darüber, ob sie gingen, wohin sie gingen oder ob sie ihre Familien wiedersehen würden.9 Ein Pulverhandwerker, 1233 in Kaifeng ergriffen und für einen mongolischen Prinzen in Arbeit gestellt, ist kein Beteiligter eines Austauschs. Er ist die Ladung.
Deshalb verweigert der Eintrag für diese Übertragung das Vokabular des Kulturaustauschs. Austausch setzt zwei Seiten und Einwilligung voraus. Was hier geschah, ist, dass ein Heer das Gemeinwesen zerstörte, dem eine Technik gehörte, die Menschen mitnahm, die sie herzustellen wussten, und sie auf seinen eigenen Straßen fortbewegte.
Was hier zu berechnen ist und was nicht
Der Atlas führt bereits einen Eintrag für die eigene Rechnung des mongolischen Jahrhunderts – die Pax Mongolica und die von ihr ermöglichte Handelsbelebung, mit der höchsten Kostenstufe bewertet. Dieser Eintrag darf dieselben Toten nicht zweimal buchen, und die Buchführung gehört offen ausgesprochen.
Hier gebucht. Die Belagerungen, in denen das Schwarzpulver Werkzeug oder Gegenstand der Übertragung war: Kaifeng 1232/33 und seine Seuche; Xiangyang und Fancheng zwischen 1268 und 1273, fünf Jahre Blockade, beendet durch Beschuss über einer Zivilbevölkerung. Die planmäßige Deportation von Handwerkern, die zugleich der Übertragungsweg und ein Schaden für sich war. Und ein Anteil – nicht die Gesamtheit – an der demographischen Katastrophe Nordchinas, wo Wang Jinpings Untersuchung der nachkonquistadorischen Gesellschaftsordnung der Region für 1211 bis 1234 eine Kriegszerstörung beschreibt, die mehr als ein Drittel der Bevölkerung auslöschte und die bestehende Ordnung vollständig zertrümmerte.17 Der Anteil ist teilweise, weil die Feldzüge nicht geführt wurden, um Schwarzpulver zu erlangen; das Pulver verkürzte die Belagerungen und machte die Stürme sicherer, aber die Heere wären ohnehin gekommen.
Hier nicht gebucht. Die mongolischen Eroberungen als Ganzes, die das Hauptbuch des Nachbareintrags sind. Die Kolonialartillerie ab dem 16. Jahrhundert, die eine Nachkommenschaft ist und als solche benannt wird. Der Schwarze Tod, der denselben Korridor fünfzehn Jahre nach dem letzten Ereignis dieses Eintrags durchlief und einen eigenen Eintrag hat.
Die Salpetermänner
Eine Folge gehört hierher, obwohl sie zwei Jahrhunderte flussabwärts liegt, denn sie ist strukturell und nicht beiläufig: Irgendwer muss das Pulver herstellen, und in Europa hieß das, den Boden anderer Leute aufzugraben.
Kaliumnitrat ließ sich in Nordeuropa nicht bergmännisch gewinnen. Man musste es von der stickstoffhaltigen Kruste ernten, die sich in Ställen, Kellern, Aborten und Taubenschlägen bildet, oder in künstlichen Salpeterbeeten aus Mist und Harn züchten. David Cressys Saltpeter: The Mother of Gunpowder verfolgt, was das in England praktisch bedeutete: königliche Kommissionen, die Salpetermänner ermächtigten, Privatgrundstücke zu betreten und dort zu graben, wobei die Beschwerden der Geschädigten grundsätzlich beiseitegeschoben wurden, weil die Pulverversorgung der Krone über ihnen stand.16 Es ist eine kleine Grausamkeit neben einer Belagerung, und es ist diejenige, die am längsten währte und die meisten Menschen betraf: Fast zwei Jahrhunderte lang bestand der Preis für die Geschütze eines Staates darin, dass seine Untertanen den Männern nicht widersprechen konnten, die kamen, um den Boden des Stalls aufzureißen.
1543, und der Kreis schließt sich
Im Herbst 1543 landete eine chinesische Dschunke mit portugiesischen Passagieren auf der Insel Tanegashima südlich von Kyūshū. Zwei der Portugiesen führten Luntenschlossgewehre. Der Herr der Insel kaufte beide zu einem außerordentlichen Preis und ließ sie von seinen Schwertschmieden nachbauen; binnen eines Jahrzehnts fertigten die Japaner Feuerwaffen in Serie, und binnen fünfzig Jahren waren sie wohl die besten Büchsenmacher der Welt.
Die Technik, die jene beiden Portugiesen an Land brachten, war chinesisch. Sie hatte China als Beute verlassen, war im Gepäck eines Reiches durch Eurasien gezogen, hatte in Europa ein Schloss, einen Schaft und einen Hahn erhalten und war um die andere Seite der Erde herum in ein Land zurückgekehrt, das etwa fünfzehnhundert Kilometer von jenem Zeughaus in Kaifeng entfernt lag, das sie zuerst in Serie hergestellt hatte – und kam dort als fremdes Wunderwerk an, verkauft von Unbekannten, an einen Käufer, der keine Ahnung hatte, dass er die Erfindung eines Nachbarn zurückkaufte.
Das ist die ganze Gestalt der Sache. Eine Song-Verwaltung schrieb 1044 die Verhältnisse nieder und verschickte ihre Pfeile zu Hunderttausenden. Ein Steppenreich nahm die Werkstätten im Sturm und ließ die Werkleute nach Westen marschieren. Eine arabischsprachige Welt lernte das Salz zu reinigen und benannte es nach dem Land, aus dem es kam. Ein lateinisches Europa, das es nicht einmal hatte benennen können, steckte es in ein Metallrohr, richtete es auf ein Tor und öffnete damit in den folgenden vierhundert Jahren jede Mauer der Erde – am Ende auch die Mauern jenes Ortes, an dem es erfunden worden war.
Niemand hat in dieser Geschichte irgendjemandem irgendetwas gereicht.
Was folgte
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10231023: Der Hof der Nördlichen Song nimmt in Kaifeng ein staatliches Pulverwerk in Betrieb, besetzt mit Handwerkern, Zimmerleuten und Gerbern – die weltweit erste Herstellung eines Sprengstoffs im industriellen Maßstab.
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10441044: Das vom Hof in Auftrag gegebene *Wujing zongyao* druckt drei Pulverrezepturen – die ältesten schriftlichen Rezepte der Substanz überhaupt.
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11321132: Song-Verteidiger setzen bei De'an Feuerlanzen gegen die Belagerungstürme der Jin ein – der erste sicher belegte Gebrauch jener Rohrwaffe, aus der das Geschütz hervorgehen sollte.
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12321232: Die Jin verteidigen Kaifeng gegen die Mongolen mit *Zhentianlei*-Bomben in gusseiserner Hülle, die an Ketten auf die Mineure am Mauerfuß hinabgelassen werden, und mit fliegenden Feuerlanzen. Die Mongolen erleben die Pulverartillerie als Ziel.
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12331233: Kaifeng fällt. Zeughaus, Werkstätten, Rezepturen und die Handwerker, die sie betrieben, gehen in mongolische Hand über, und die Technik beginnt sich als erbeutetes Eigentum zu bewegen.
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12481248: Ibn al-Bayṭār stirbt in Damaskus, nachdem er Kaliumnitrat unter dem Namen *thalj al-Ṣīn*, Schnee Chinas, verzeichnet hat. Der arabische Name der Substanz trägt ihre Herkunft; der lateinische wird sie nie tragen.
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12581258: Hülegüs Heer nimmt Bagdad, begleitet – so die persischen Quellen – von tausend Mannschaften chinesischer Belagerungsingenieure, die aus Nordchina nach Westen geführt wurden.
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12671267: Roger Bacon beschreibt Papst Clemens IV. einen Knallkörper – die erste europäische Nachricht vom Schwarzpulver, die den Salpeter richtig bestimmt und die ganze Sache unter Kinderspielzeug einordnet.
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12731273: Xiangyang und Fancheng fallen nach fünf Jahren Belagerung, gebrochen von Gegengewichtstrebuchets, die Ismaʿīl aus Hilla und ʿAlāʾ ad-Dīn aus Mossul bauten, aus dem Ilchanat nach Osten geschickt. Der Korridor lief in beide Richtungen.
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1280Um 1280: al-Ḥasan ar-Rammāḥ verfasst in Syrien das *Kitāb al-furūsiyya*, mit über hundert Rezepturen und einem Holzasche-Verfahren zur Reinigung des Salpeters – jener Schritt, der einen Mauerabkratz in ein Treibmittel verwandelt.
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12981298: Das Geschütz von Xanadu wird gegossen, mit einer Inschrift in ʼPhagspa-Schrift, die sein eigenes Datum nennt – die älteste Feuerwaffe der Welt, die sich selbst datiert, hergestellt in China unter mongolischer Herrschaft.
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13261326: Der Rat von Florenz lässt Beamte bestellen, die *canones de metallo* und eiserne Kugeln beschaffen sollen, und Walter de Milemetes Widmungshandschrift für den jungen Eduard III. zeigt einen Ritter, der ein vasenförmiges Geschütz auf ein Tor abfeuert. Das lateinische Europa besitzt den Gegenstand.
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14531453: Die Mauern von Konstantinopel, die elf Jahrhunderte gehalten hatten, werden von osmanischer Belagerungsartillerie geöffnet. Die Rechnung, die eine starke Mauer zu einer politischen Tatsache machte, geht nirgends in Europa mehr auf.
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15431543: Portugiesische Passagiere einer chinesischen Dschunke verkaufen auf Tanegashima zwei Luntenschlossgewehre. Eine chinesische Erfindung kehrt von der anderen Seite der Erde als fremdes Wunderwerk nach Ostasien zurück, und der Kreis schließt sich.
Wo dies heute fortlebt
Quellen
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